Michis Monstermarsch – Das Finale

Aus dem Lauch wird Bambus!

Im Ziel und komplett hinüber
Im Ziel und komplett hinüber
Autor: Michael Sieß | Datum: 11.06.2018
Ich hab geschwitzt, ich hab geweint, ich hab gelacht: diese 23 Stunden waren eine Achterbahn der Gefühle. Doch ich hab’s tatsächlich gepackt - Ich bin 100 Kilometer am Stück gewandert.

Nach 22 Stunden, 48 Minuten und 25 Sekunden hat es ein letztes Mal *Klick* gemacht – mein Wanderchip wurde registriert. Ich bin im Ziel angekommen. So richtig vor Freude platzen konnte ich noch nicht, dafür war ich einfach zu sehr im Arsch. Trotzdem: Zu wissen, dass ich's geschafft habe, nach monatelanger Vorbereitung, nach vielen Rückschlägen und vor allem nach heftigen Knieschmerzen ist einfach unbeschreiblich.

Ich bin wirklich an meine Grenzen gegangen und wahrscheinlich darüber hinaus. Los ging's recht locker flockig am Freitag um 18 Uhr – die ersten 23 Kilometer relativ problemlos. Dann wurde es dunkel: Stirnlampe auf und los ging die Nachtwanderung. Gegen 3 Uhr waren meine Freundin Jule und ich dann in Ammerbach angekommen, gut 47 Kilometer geschafft. Da schmerzte mein linkes Knie schon seit ungefähr 17 Kilometern. Ausgerechnet das Linke! Bisher hatte ich nur Probleme mit meinem rechten Knie und jetzt das.

Die nächsten Auf- und vor allem die Abstiege wurden nur noch zu einer Qual. Bei ungefähr 60 Kilometern musste ich einfach flennen – es ging scheinbar nichts mehr. Ich hatte keine Ahnung, wie ich die nächsten 40 Kilometer (was mindestens gut 8 Stunden zu Fuß sind) überstehen sollte. „Körperlich bin ich ja fit genug, aber mein Knie tut so höllisch weh", sagte ich meiner Freundin. Jule antwortete: „Michi, das Ganze darf jetzt nicht am Knie scheitern. Du kannst das." Und sie hatte verdammt nochmal Recht! Ohne sie hätte ich das niemals geschafft. Gut okay, ohne sie hätte ich mich dort auch nie angemeldet. ;)

Bei Kilometer 70 war ich dann optimistischer. Doch die schwierigsten 30 lagen noch vor mir – es war die pure Quälerei. Vor allem die letzten 15 Kilometer kamen mir gefühlt wie 50 vor. Dazu kam noch die unerträgliche Hitze an den Muschelkalkfelsen in den Kernbergen – das machte es nicht gerade leichter. Aber letztlich hat es sich mehr als nur gelohnt: die Freude überwiegt mittlerweile. Der Stolz, die Schmerzen besiegt zu haben, es ins Ziel geschafft zu haben, ist unermesslich.

Vor allem ich: der unsportliche, eher schmächtige Typ hat den „Mist" (wie ich den Weg oft zwischendurch verflucht habe) bis zum Ende durchgezogen. Dass dazu mein Körper überhaupt in der Lage ist, hätte ich niemals gedacht. Gut 70 Kilometer habe ich meine Knieschmerzen ausgehalten. Das Gute: Vom Orthopäden weiß ich, dass es durch die Überbelastung „nur" eine Entzündung der Außenbänder ist. Die Knie werden sich also erholen, es kann nur ein wenig dauern.

Nach dem Ziel hab ich mich dann einfach ins Gras gelegt, ein Bierchen geöffnet, die Urkunde in die Hand gedrückt bekommen: genau darauf habe ich ewig hingearbeitet. Das jetzt geschafft zu haben, wird mich persönlich garantiert verändern. Es wird mich stärker machen, egal in welchen Situationen. Ich weiß jetzt, dass in mir viel mehr steckt, als ich dachte.

Insgesamt sind von den 1000 Startern 620 ins Ziel gekommen und ich bin einer davon. Andere Mitstreiter haben mir auch von ähnlichen Monstermärschen erzählt, die um ein Vielfaches einfacher gewesen sein mussten. „In Jena, diese ständige Auf- und Abstiege, das ist so brutal", sagte mir Jan Hähnlein, mit dem ich schon vor ein paar Wochen in Kontakt stand und über den Monstermarsch geredet habe. Er hatte sowas schon mal an der Ostsee gemacht. Das sei um einiges leichter gewesen, meinte er.

Meine Freundin Jule kam im Gegensatz zu mir super durch. Sie musste sogar ihr Tempo verringern, damit ich hinterherkomme. Sie wäre sonst viel schneller im Ziel gewesen. Deswegen bin ich ihr so dankbar: ohne ihre motivierenden Sprüche und Aktionen (sie hat mich wirklich ein paar Mal den Berg rauf angeschoben!) hätte es für mich echt schlecht ausgesehen. Nach Zieleinlauf war aber auch sie hinüber und ist sogar zusammengeklappt. Die Ärzte meinten: Dehydrierung. Kein Wunder bei der Hitze. Ihr geht's aber wieder gut.

Ich kann es – jetzt zwei Tage nach dem Zieleinlauf – noch immer nicht ganz glauben. Eine komplette Nacht durchgelaufen, fast 23 Stunden gewandert – das ist doch krank! Heute merk ich natürlich noch mein linkes Knie, sonst halten sich die Beschwerden eigentlich in Grenzen. Die Treppen komme ich bisher nur langsam runter, aber das war's wert. Ich habe das erste Mal in meinem Leben eine echte Grenzerfahrung gemacht und die macht mich vor allem eins: stärker.

Aus dem Lauch ist Bambus geworden!