Michis Monstermarsch - Noch 33 Tage

"Michi, ich bin enttäuscht!"

Voll hinüber...
Voll hinüber...
Autor: Michael Sieß | Datum: 06.05.2018
Nachdem ich letzte Woche ein 35 Kilometer langes Teilstück der Horizontalen abgelaufen bin, war ich eigentlich ganz optimistisch, was das nächste Training angeht. Gestern bin ich dann zusammen mit meiner Freundin, die ja durchaus sportlicher ist als ich, zum schönen Rennsteig gefahren. Und hab verkackt.

Da ging gestern der XtreMarathon los, die Wander-Weltmeisterschaft über den Rennsteig. 170 Kilometer wandern, am Stück! Das ist noch ein bisschen verrückter als das, was ich Anfang Juni mit meinen 100 vorhabe. Auch dieses Mal wird „nur" ein Teilstück mitgewandert – 50 Kilometer waren das Ziel.

Man muss sich das Mal genau durch den Kopf gehen lassen: da wandern die tatsächlich 170 Kilometer am Stück! Samstagfrüh um 9 ging's los, die „Langsamsten" haben für die Strecke um die 48 Stunden Zeit, also bis Montagfrüh. Fast 50 Stunden wird da also durchweg gewandert – zwei Nächte durch! Das klingt so irre und das ist es wahrscheinlich auch.

Als meine Freundin und ich dort am Rennsteig-Anfang im schönen Blankenstein angekommen sind, wird schnell klar: das sind absolute Profis, die hier mitlaufen. Da wird's schwierig mitzuhalten. Einen der Wanderer habe ich gleich zu Beginn der Strecke gefragt, warum er das mitmacht. „Die Herausforderung reizt mich, einfach dieser Kampf mit mir selbst", sagte er. 100 Kilometer hat er schon mal geschafft: „So ab 50 Kilometern tut's langsam weh", erwähnt er dann noch mit einem Grinsen im Gesicht. Ein paar Stunden später war mir dann klar, warum er so gegrinst hat...

Ich kam dieses Mal wirklich schlecht in meinen Rhythmus rein. Ich hatte noch eine Blase am linken Fuß von der letzten Woche, meine neuen Wanderschuhe waren noch nicht richtig eingelaufen und ich geb's zu: ich hatte vorab schon Bedenken, ob ich's überhaupt packe. Nach gut einer Stunde waren die Profi-Wanderer nur noch am Horizont zu sehen – die Geschwindigkeit, die sie da vorgelegt haben, war schon beachtlich. Doch alles halb so wild, das war ja abzusehen. Trotzdem wäre meine Freundin gern schneller gelaufen, doch so richtig Tempo aufnehmen konnte ich einfach nicht. Stattdessen habe ich mir – jetzt im Nachhinein betrachtet – viel zu viele Gedanken darüber gemacht, wie meine Blase am Fuß schmerzt und wie ich laufen kann, um das zu vermeiden. Das ist natürlich das Dümmste, was man auf so einer langen Wanderung machen kann: unnatürlich laufen. Dadurch verkrampfen die Beine irgendwann von selbst.

Michi auf dem Rennsteig

Nach gut 20 Kilometern kamen wir gegen Mittag an der ersten Verpflegungsstelle an. Da habe ich den nächsten Fehler gemacht: ich habe nicht wirklich was gegessen. Das sollte ich 10 Kilometer später bereuen – die Energie war dann doch schneller aufgebraucht, als ich gedacht habe. Hinzu kam noch, dass wir relativ viel auf Asphalt gelaufen sind, was die Füße auf Dauer natürlich stärker belastet. Ab gut 30 Kilometern hatte ich ganz schön zu kämpfen, was mich selbst ziemlich überraschte, liefen doch die letzten Wochen Training so gut. Durch meine unnatürliche Laufbewegung verkrampfte meine rechte Wade immer mehr und das Knie fing an, ordentlich zu schmerzen. Es war auch irgendwie deprimierend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit meine Freundin einen Kilometer nach dem anderen weglief. „So ab 50 Kilometern tut's langsam weh", hat mir der Wanderfreund am Anfang gesagt. Der war gut, bei mir ging's bei 25 los.

So kam es, wie es kommen musste. Bei fast 40 Kilometern und der zweiten Verpflegungsstelle musste ich aufhören. Es ging einfach nichts mehr – ich kam kaum noch voran. Ich hab's wirklich versucht, aber die Schmerzen waren zu groß. Doch viel schlimmer war eigentlich die Enttäuschung danach. Wenn man sich diese 50 Kilometern vorgenommen hat und dann 10 Kilometer vor Ende daran scheitert – das zieht einen echt runter. 10 Kilometer klingt zwar nicht weit, in dem Moment kamen mir die aber vor wie 30. Auch meine Freundin war über mein Hinschmeißen alles andere als froh. Sie selbst schien noch topfit zu sein und merkte noch nicht mal was in den Beinen. „Michi, ich bin enttäuscht", sagte sie. Das versteh ich, ich bin's auch. Vor allem, weil die 35 Kilometer letzte Woche so gut geklappt haben. Und jetzt das.

Es ist der erste richtige Rückschlag während meiner Vorbereitung für den 100 Kilometer-Marsch Anfang Juni um Jena. Zum ersten Mal habe ich so wirklich Zweifel daran, das zu schaffen. Vor allem, wenn ich überlege, wie es mir jetzt nach nicht mal 40 Kilometern und gut 8 Stunden wandern ging. Anfang Juni will ich 100 schaffen in 24 Stunden!

Umso wichtiger ist es wohl jetzt, die Zähne zusammen zu beißen und nächstes Wochenende weiter zu trainieren, dann die 40 Kilometer zu wandern ohne sich auf die eigenen Probleme, sondern auf's Positive zu konzentrieren. Die meisten Leute, die so eine lange Wanderung schon mitgemacht haben und mit denen ich geredet habe, sagen wohl nicht ohne Grund, dass es vor allem eine Kopfsache ist. Ich glaube, das ist mir jetzt bewusster denn je geworden.