Michis Monstermarsch - Noch 99 Tage

"Schaffst du eh nicht!"

Du schaffst es eh nicht!
Du schaffst es eh nicht!
Autor: Michael Sieß | Datum: 02.03.2018
Eigentlich ist ja gerade alles prima bei mir. Mein Job macht Spaß, ich hab eine tolle Freundin, wohne glücklich und zufrieden mit ihr und unseren zwei Katzen in einer schicken Neubauwohnung in Jena.

Unsere Wohnung hat sogar einen Balkon! Ja - der war uns wichtig! Ich weiß, das klingt alles ganz schön spießig und das ist es vielleicht sogar. Aber: ich find' das schön so. Ein stressfreies Leben ohne jegliche Komplikationen.

Ich: das ist ein 23-jähriger Typ, der sein Studium beendet hat und jetzt seit einem halben Jahr arbeitet. Als wahnsinnig sportlich oder gar muskulös würde ich mich jetzt nicht gerade bezeichnen. Bei meinen 64 Kilo und 1,76 Meter Größe wirke ich wohl alles andere als stämmig. Ich sag dann auch selbst scherzhaft über mich, dass ich ein "Lauch" bin. Das ist dieses grüne Gemüse, das recht schlank aussieht. Blöd nur, dass mir das dann auch recht oft von anderen unter die Nase gerieben wird. Ob Spaß oder nicht: manchmal stört's dann schon. Naja gut, immer noch besser als eine Melone zu sein. ;) 

Aber man muss sich das so vorstellen: jemand sagt zu mir, ich sei ein "Lauch". Bums, Zack - wieder geht ein Stück Männlichkeit in mir verloren. Also es ist jetzt nicht so, dass ich mich nicht als Mann sehen würde. Trotzdem würde ich es dem Rest schon gern mal zeigen. Ich mein, dass ich eben doch ein richtiger Kerl bin! Einfach mal was verrücktes machen, an meine eigenen Grenzen stoßen und den Anderen, aber vor allem auch mir selbst etwas beweisen.

Im Gegensatz zu mir ist meine Freundin übrigens auch recht sportlich. Sie kam dann eines Tages auf mich (den Lauch!) zu und fragte, ob ich (der Lauch!) nicht Bock hätte, bei einer Langstreckenwanderung teilzunehmen. "Wie lang geht die?", frag ich. "Ja so über 20 Stunden, das sind 100 Kilometer", antwortete sie. Nachdem ich dann gefühlt circa eine halbe Stunde überlegend vor mich hin gestarrt habe und jetzt so rückblickend nicht ganz gecheckt habe, was sie mir da eigentlich gerade angeboten hat, habe ich einfach "Ja" gesagt, "Ist doch nur Wandern."

Ernsthaft? Michi, du Idiot!

So ist es jetzt dazu gekommen, dass ich letzte Nacht tatsächlich auf "Anmeldung abschließen" geklickt habe. Kurz nach Mitternacht ging das Anmeldeformular für die „33. Horizontale – Rund um Jena" online. 100 Kilometer am Stück, ohne große Pausen innerhalb von ungefähr 24 Stunden, einfach wandern. Einfach so. Einfach: warum?! Warum tue ich mir das an?

Also mal ehrlich: 100 Kilometer. Das sind 10 Millionen Zentimeter! Gut, darunter kann man sich jetzt nichts vorstellen. Dann eben einfach um die 1.300 Fußballfelder aneinandergereiht in der Länge - das sind ungefähr 100 Kilometer! Oder die Strecke von Eisenach nach Jena an einem Stück. Das klingt schon ziemlich bekloppt.

Vor allem habe ich, obwohl ich Thüringer bin und es diesen Lauf seit 33 Jahren gibt, noch nie etwas von der Horizontale gehört. Und plötzlich bin ich mittendrin - ich mach mit. Ich bin einer der 1000 Starter, die mitlaufen. Die Wanderung war übrigens nach nur 41 Minuten komplett ausgebucht! Nach 41 Minuten!!!

Scheint so, als sei ich wohl doch nicht der einzige Bekloppte, der da mitmacht. Wobei: die anderen Teilnehmer sind zumindest ein bisschen trainiert. Wie schon erwähnt, bin ich ja jetzt nicht gerade der Sportfreak. Also ich gucke liebend gern zu. Selbst mitmachen ist dann doch eher selten in letzter Zeit geworden. Kurz gesagt, ich habe seit Monaten kein Sport getrieben , geschweige denn bin ich mehr als 10 Kilometer am Stück gelaufen... Mist! Was hab ich nur getan?! Sollte ich es nicht doch lieber lassen?

Ich erzähle es freudestrahelnd meinen Eltern. Sie lachen. "Ernsthaft jetzt?" fragen sie. "Eh jaaa...", antworte ich. Sie verstummen und lächeln nur noch. Okay gut: wenn man sich vorstellt, da kommt einer an, der kaum Sport macht, eher schmächtig gebaut ist und dann voller Inbrunst damit angibt, dass er eine 100 Kilometer lange Wanderung vor sich hat... Ganz ehrlich? Ich würde denjenigen auch belächeln. ;) Als ich dann auf Arbeit auch meinen Kollegen davon erzählt habe, kam neben ungläubigen Kopfschütteln oder Stirnrunzeln, noch höchstens ein "Bist du übergeschnappt?" oder "Schaffst du doch eh nicht" zurück. An dieser Stelle: danke liebe Kollegen. Ihr könntet Motivationstrainer werden! Das ist mein Ernst! Denn wie ein waiser Herr mal sagte: "Nichts motiviert dich so, wie demotivierende Sprüche von anderen." Okay, das hab ich mir gerade ausgedacht, macht doch aber Sinn, oder?

Fast 100 Tage liegen jetzt noch vor mir. Arsch hochkriegen ist angesagt. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr!