Michis Monstermarsch - noch 50 Tage

Warum nur???

Symbolbild: Pixabay
Symbolbild: Pixabay
Autor: Michael Sieß | Datum: 19.04.2018
Es ist an der Zeit, dass ich mir Hilfe hole. Ich bin ja komplett übergeschnappt. 100 Kilometer am Stück – da frag‘ ich mich mittlerweile auch jeden Tag, warum ich das überhaupt mache. Und warum bitte machen das andere?

Nach meinen ersten 20 bis 30-Kilometer-Märschen bin ich recht positiv gestimmt, was den großen Marsch Anfang Juni angeht. Gute Vorbereitung ist ja bekanntlich alles. Deswegen habe ich die letzten Tage auch mal mit Menschen geredet, die mir von ihren Erfahrungen berichten können. Die Gespräche geben mir jedenfalls das Gefühl, dass ich mich „vorbereite". Denn seit meiner Wanderung zur Arbeit in der letzten Woche hab ich nicht wirklich was geschafft. Eigentlich wollte ich schon vergangene Woche im Sportverein wieder anfangen mitzumachen. Aus diversen Gründen musste ich schwänzen. (Hey, der DFB-Pokal lief!) Naja – und am Wochenende wird's zeitlich auch schwer, wieder eine 30-Kilometer-Wanderung unterzukriegen. Aber hey: die mentale Vorbereitung ist ja auch nicht zu vernachlässigen. Oder? Eine der wichtigsten Fragen ist wohl die nach der Motivation. Warum wandern Menschen?

Ich bin ja mit meinen 23 Jahren noch recht jung, sehe aber in meinem Bekanntenkreis, dass es viele gibt, die sich schon mal einer richtig großen Herausforderung in ihrem Leben gestellt haben. Sei es mein alter Studienkollege, der einfach mal nach China ausgewandert ist, um dort sein neues Leben aufzubauen oder mein Kumpel Georg, der innerhalb von ungefähr drei Monaten den Pilgerweg nach Santiago de Compostela gelaufen ist. Wahrscheinlich ist auch das einer der Gründe, weshalb ich bei dem ganzen Ding mitmache. Auch ich möchte mal dieses „Große" erleben oder, wenn man so will, an meine eigenen Grenzen gehen. Das ist zwar kaum vergleichbar mit den Sachen, die ich gerade erwähnt habe, aber eine Herausforderung ist es doch allemal!

Georg ist übrigens noch jünger als ich. Er ist eigentlich gar nicht der Wander-Typ, aber hatte den Jacobsweg schon immer so ein bisschen im Hinterkopf. Mit seiner damaligen Schulklasse ist er auch schon ein Stück davon gelaufen. Der richtige Auslöser, um sich auf nach Spanien zu machen, war dann die Trennung von seiner damaligen Freundin. Gerade aber auch wegen des Austausches mit den Mitstreitern auf dem Jacobsweg haben sich die Strapazen gelohnt, erzählt er. „Du entwickelst dich selbst weiter."

Da ist mir auch erstmal so richtig klar geworden, dass jeder etwas hat, das einen antreibt. Wow, das ist sogar der Werbespruch einer relativ bekannten Bank. ;) Mal abgesehen davon stimmt's aber einfach, vor allem wenn es um's Wandern geht. Ohne Grund wandert niemand eine 100 Kilometer lange Strecke. Sei es nur wegen der Natur, wegen eines privaten Umstands oder schlichtweg, weil man die Herausforderung sucht. Okay: vielleicht wurde man auch einfach durch die Freundin mit reingezogen...

Jemand, der Anfang Juni einer meiner Mitstreiter sein wird, ist Jan Hähnlein. Er ist auch Thüringer und kommt aus Erfurt, ist solche Distanzen aber schon gewandert. Mit dem Fahrrad düst er auch rum. Trotzdem bezeichnet er sich selbst eher als Freizeitsportler. Jetzt will er wieder 100 Kilometer am Stück laufen. Was ihn dabei antreibt ist tatsächlich der gute Zweck. Pro gelaufenen Kilometer sammelt Jan auf diese Weise Geld, um es Charity-Projekten zukommen zu lassen. Seine Motivation ist es, anderen zu helfen. „Von allein würde ich nicht auf die Idee kommen, mich so zu quälen", sagt er, „Ich brauche dieses Ziel wie zum Beispiel Spenden zu sammeln." Jemand hilft anderen, indem er sich belastet und dabei auch was für seine eigene Gesundheit tut. Tolle Sache, wie ich finde. Nur das mit dem Quälen macht mich jetzt ein wenig unruhig. Doch die Qual gehört wohl irgendwie dazu. Sonst kann das Geschaffte gar nicht wert geschätzt werden.

Spätestens im Juni werde ich der Qual dann wohl sehr, sehr nah kommen. Dass es den Horizontale-Marsch rund um Jena überhaupt gibt, liegt unter anderem an Lothar Seifarth. Er selbst ist langjähriger Wanderer und hat schon um die 30 Mal an ähnlich großen Langstreckenwanderungen teilgenommen. Nach all den Jahren sagt er, dass es für ihn das Schlimmste wäre, nicht mehr wandern zu können. „Also wenn man um eine Ecke kommt und dann einen Ausblick in die Landschaft hat, das sind doch Glückshormone, die da wirksam werden", sagt der 77-Jährige. Das nenn' ich pure Wander-Leidenschaft.

Die brauche ich bis Anfang Juni auch oder ich habe sie nach meinem Monstermarsch. Denn bekanntlich ist ja Leidenschaft das, was Leiden schafft.